Heimatverein Eystrup Grafschaft Hoya e.V.

Die Eystruper Volksversammlung von 1848

Die Eystruper Volksversammlung
vom 1. Juni 1848

Geschichtliche Einordnung

Nachdem die napoleonische Vorherrschaft 1815 durch den Wiener Kongress beendet wurde, schlossen sich mehrere europäische Klein- und Mittelstaaten zum Deutschen Bund zusammen, einem Bündnis souveräner Fürsten zur Wiederherstellung des Absolutismus, d.h. die Wiederherstellung der monarchischen Staatsform.

Da die Mitgliedsstaaten ihre Souveränität behielten, wurde keine allgemein verbindliche Verfassung verabschiedet, sondern lediglich die Einführung einer eigenen Verfassung in jedem Staat angekündigt.

Im Königreich Hannover wurde diese neue, relativ liberale Verfassung 1833 verabschiedet.
Ernst August I. (Hannover)
Als Ernst August I (siehe Bild) 1837 den Thron im Königreich Hannover bestieg, hob er, unmittelbar nach seinem Regierungsantritt, das relativ freiheitliche Staatsgrundgesetz wieder auf.

Diese Aufhebung führte zu einem aufsehenerregenden Protest von sieben Professoren der Universität Göttingen (Die Göttinger Sieben) indem sie politischen Widerstand leisteten.


Die Protestaktion, der Protestbrief, fand in ganz Deutschland Verbreitung und förderte eine liberale Gesinnung. Obwohl die Aktivitäten der Göttinger Sieben lokal begrenzt blieben und sie teilweise des Landes verwiesen wurden, erregten sie europaweites Aufsehen und lieferten damit eine wichtige Grundlage für den Ausbruch der Revolution 1848/49.

Als Deutsche Revolution von 1848/49 wird das revolutionäre Geschehen bezeichnet, das sich zwischen März 1848 und Juli 1849 im Deutschen Bund ereignete, zu dem sich 1815 souveräne Fürstentümer und freien Städte Deutschlands zusammengeschlossen hatten.

Die damit verbundenen Ereignisse waren Teil der liberalen, bürgerlich-demokratischen und nationalen Einheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber den verbündeten Herrscherhäusern.

In den deutschen Fürstentümern nahm die Revolution ihren Anfang im Großherzogtum Baden und griff innerhalb weniger Wochen auf die übrigen Staaten des Bundes über. Sie erzwang von Berlin bis Wien die Berufung liberaler Regierungen und die Durchführung von Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, die am 18. Mai 1848 in der Paulskirche der damals freien Stadt Frankfurt am Main zusammentrat.

Nach den ersten relativ rasch erkämpften Erfolgen, wie zum Beispiel Aufhebung der Pressezensur oder die Bauernbefreiung, geriet die revolutionäre Bewegung ab Mitte 1848 zunehmend in die Verteidigung.

Auch die im Herbst 1848 und im Mai 1849 neu aufflammenden Höhepunkte der Revolution, die in einigen Regionen teilweise bürgerkriegsähnliche Ausmaße annahmen, konnten das Scheitern der Revolution in Bezug auf ihre wesentliche Kernforderung nicht mehr aufhalten.

Bis Juli 1849 wurde der erste Versuch, einen demokratisch verfassten, einheitlichen deutschen Nationalstaat zu schaffen, von überwiegend preußischen und österreichischen Truppen mit militärischer Gewalt niedergeschlagen.

Quellen: Wikipedia,
Deutsche Revolution 1848/1849
Göttinger Sieben
Ernst August I. (Hannover)
Welche Rolle spielte die Eystruper Versammlung  vom 1. Juni 1848?

Als sich die Revolution vom 3. März 1848 von der Residenzstadt Hannover über das gesamte Königreich ausgebreitet hatte, bildeten sich in den folgenden Tagen allerorts Volksvereine, die liberale, demokratische und sozialistische Verfassungskonzepte unter dem Aspekt der nationalen Einheit Deutschlands diskutierten. In zahlreichen Petitionen an das Gesamtministerium und die Ständeversammlung in Hannover forderten sie u. a. Pressefreiheit, Abschaffung des Zwei-Kammer-Systems, Volkssouveränität und ein freies und einiges Deutschland.

Schon am 20. März 1848 gründete sich der Hoyaer Volksverein im Flecken Hoya unter dem Vorsitz des dort ansässigen Rechtsanwalts Dr. Heinrich Albert Oppermann, der im Vorstand von dem Juristen Heiliger und den Kaufleuten Martin Bollmann und Eduard Elias unterstützt wurde. Obzwar man sich dort vorrangig mit lokalen Angelegenheiten befasste, versuchte der Verein aber auch, den Einwohnern von Hoya die Bedeutung des politischen Geschehens während der Märzrevolution in Deutschland rsp. im Königreich Hannover klar zu machen.

Sehr bald griffen Oppermann und der Vorstand eine Idee ihres Schriftführers Köllner auf, man sollte doch die „beginnende Völkerfreiheit“ mit einem „großartigen Volksfest“ an den Pfingsttagen 1848 begehen. Dazu lud man alle Volksvereine der näheren Umgebung zur Teilnahme ein.

Als die Vorstandsmitglieder des Verdener Volksvereins, Dr. Matthäi und Dr. Müller, darauf hin zu einer Besprechung nach Hoya kamen, erteilten sie dem dortigen Vorhaben eine Absage und forderten stattdessen die Einberufung einer großen Volksversammlung. Diese sollte im Wesentlichen, so der Verdener Volksverein, mittels einer Petition

• der in der hannoverschen Regierung vorherrschenden Auffassung widersprechen, die neue Verfassung in Frankfurt könne nur aus der „Übereinstimmung der Fürsten und der Völker“ entstehen und nicht nach dem Prinzip der Volkssouveränität durch alle Landeseinwohner beschlossen werden.

• sich ferner darüber beschweren, wie man in hannoverschen Regierungskreisen mit Petitionen umgehe, die neben der Auflösung dieser Gremien gleichzeitig die Wahl zu einer verfassungsgebenden Versammlung fordern.

Einer Volksversammlung mit den genannten Zielen stimmten die Hoyaer zu, wollten aber weiterhin ihre für Pfingsten geplante Feier durchführen und taten das dann auch.

Am 21. Mai 1848 unterzeichnete der Hoyaer Volksverein den gemeinsamen Aufruf zu einer großen Volksversammlung am Himmelfahrtstag, den 1. Juni 1848, in Eystrup gemeinsam mit den Verdenern. Nicht nur die Volksvereine aus der Nachbarschaft, sondern alle aus dem ganzen Land sollten eingeladen werden.

Mancher wird sich gefragt haben, warum gerade Eystrup, dort gab es ja gar keinen Volksverein. Oppermann begründete die Ortswahl damit, dass die Organisatoren „weit entfernt von ungesetzlichen Schritten“ seien. Deshalb treffe man sich an einem Ort „mit beschränktem Interimsgebäude und nur einigen Steuer- und Eisenbahnbediensteten, ansonsten gekennzeichnet durch Eichenholzung“, m. a. W. „mitten im Walde“. Hannover misstraute allerdings den Absichten der Veranstalter und hatte – wie sich Oppermann erinnert – eine Schwadron Husaren nach Eystrup kommandiert. Das Eingreifen dieser Truppe sei allerdings auf Intervention des Amtes Hoya verhindert worden. Deshalb konnten die Hoyaer Versammlungsteilnehmerinnen und -teilnehmer in schwarz-rot-gold geschmückten Wagen unbehindert und rechtzeitig das Versammlungsziel an der Eystruper Haltestelle erreichen.


Am 1. Juni 1848 begrüßte der Versammlungspräsident Dr. Matthäi aus Verden zusammen mit seinem Vizepräsidenten Dr. Oppermann nach eigener Schätzung ca. 2.000 Menschen, vorwiegend aus Verden, Rotenburg, Hoya, Bruchhausen-Vilsen, Asendorf und Nienburg, daneben aber auch Abgesandte zahlreicher Volksvereine aus Ostfriesland, dem Land Hadeln, Osnabrück, Lüneburg, Celle und Hannover. Aus den südlicheren Teilen des Königreichs war niemand gekommen.

Einleitend erinnerte Dr. Matthäi an die Repressalien in der Vergangenheit, unter denen besonders der Bauernstand im Königreich Hannover gelitten habe. Dann ließ er feierlich und mit musikalischer Begleitung den Choral „Nun danket alle Gott“ anstimmen und erläuterte schließlich die umfangreich vorbereitete Petition, die (so Oppermann) nach mehrmaligem Vorlesen von 400 bis 500 Personen unterschrieben worden sein soll.

Aber nicht nur die Politik stand im Fokus der Versammlung. Nach Oppermanns Beobachtung „wurde [auch] gegessen und getrunken, Musik gemacht, im traulichen Gespräch Meinungen ausgetauscht und verlief die ganze Versammlung mit großer Ordnung.“ Als positive Ergebnisse der Eystruper Volksversammlung hielt er fest, dass

• die an das Gesamtministerium und die Stände in Hannover gerichtete Petition verabschiedet worden sei,

• die Veranstaltung „Sinn, Verständnis und Liebe für das Ein-Kammer-System im Volke“ geweckt habe,

• eine Verbindung unter den Hannoverschen Volksvereinen entstanden sei und dass

• eine vorläufig beantragte Organisation der Volksvereine auf das ganze Land ausgedehnt werden solle.



Die Rekonstruktion des Geschehens erfolgte auf der Grundlage der nachfolgend genannten Werke von Heinrich Albert Oppermann:

1. Oppermann, Heinrich Albert:
Hannoversche Zustände seit dem 24. Februar 1848. Bremen: Heyse 1849. S. 123-127.

2. derselbe:
Zur Geschichte des Königreichs Hannover von 1832 bis 1860. 2. Band 1848-1860. Leipzig: Wigand 1862. S. 102-108.

Seine monarchistischen Gegner haben abweichende Schilderungen vorgelegt, z. B. in

1. Bodemeyer, Hildebrand:
Die Hannoverschen Verfassungskämpfe seit 1848.
Erster Abschnitt. Vom Ende März des Jahres 1848 bis zur Berufung des Ministeriums von Schele am 23. November 1851. Hannover: Carl Meyer 1861. S. 53-65.
Wer war Heinrich Albert Oppermann
Heinrich Albert Oppermann, deutscher Schriftsteller und Politiker im 19. Jh.

 


Heinrich Albert Oppermann wurde 1812 in Göttingen geboren.

Er studierte in Göttingen Rechtswissenschaften und wurde 1831 Mitglied der Alten Göttinger Burschenschaft.

Er "...gehörte zu dem aktiven Kreis der Studenten um die Professoren der "Göttinger Sieben". Er machte ihre Protestaktion erst öffentlich, indem er sie kopieren ließ und innerhalb kürzester Zeit an deutsche Zeitungen verschickte." *(1)

1842 ließ er sich nach seiner Promotion als Rechtsanwalt in Hoya nieder. Mit Enthusiasmus begrüßte Oppermann 1848 die März-Revolution. Er wurde Präsident des Hoyaer "Volksvereins". Oppermann scheiterte bei der Deputiertenwahl "der Hoyaschen Flecken" für die zweite Kammer der Hannoverschen Allgemeinen Stände-Versammlung. Er kandidierte für das Paulskirchenparlament in Frankfurt. Abermals unterlag Oppermann, diesmal nach einer Wahlmanipulation. 1848 war er einer der Mitorganisatoren und Redner des Eystruper Treffen der Volksvereine, das die Forderungen des Paulskirchenparlaments unterstützen sollte.

Vier Jahre später wurde er zum Notar ernannt und 1852 zum Obergerichtsanwalt und Vizepräsident der Anwaltskammer in Nienburg. Von 1849 bis 1857 und von 1862 bis 1866 war er Deputierter in der Zweiten Kammer der hannoverschen Stände-Versammlung, von 1867 bis 1870 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.*(2)

Ab 1863 war er der Herausgeber des Nienburger Wochenblattes.

Er war Mitglied der Nienburger Freimaurerloge Georg zum silbernen Einhorn.[2]

Heinrich Albert Oppermann wurde auf dem Friedhof Verdener Straße in Nienburg bestattet.

1994 wurde sein Grabdenkmal mit Bildnismedaillon von Ferdinand Hartzer restauriert und gegenüber dem Theater auf dem Hornwerk aufgestellt.

Quellen:
Wikipedia,
Heinrich Albert Oppermann
*(1), *(2) Heinrich-Albert-Oppermann-Gesellschaft zu Nienburg:
Chronik
Bahnhofseiche um 1910
Eisenbahner unter der ehemaligen Eiche am Bahnhof,
in deren Umkreis die großer Eystruper Volksversammlung am 1. Juni 1848 stattgefunden hat.

Bahnhofseiche 1961
Die Bahnhofseiche im Jahr 1961

Anpflanzung einer neuen Eiche an historischer Stätte

Anpflanzung einer neuen Eiche an historischer Stätte

Von links: Detlef Meyer (Samtgemeindebürgermeister), Jost Egen (Bürgermeister),
Marion Grönke (3. Vorsitzende Heimatverein) Horst Wyss (Vorsitzender Heimatverein) und Gerhard Grönke (Geschichtswerkstatt)

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